Kompetenzzentrum IT-Bildungsnetzwerke


Lernen im Lebenslauf/ Berufsbiografie

Bei der Begleitung meines Lernpartners könnte ein biografischer Rückblick Einsichten darüber vermitteln, wo ihn seine Gaben im beruflichen Umfeld und im persönlichen Bereich genutzt und weitergebracht haben, wo es Störungen und Brüche gab (Karikaturen und Allergien), wie er damit umgegangen ist und was er daraus gelernt hat. Es könnten sich Lernmuster oder Lernstile herauskristallisieren.

Dass Lernen, Entwicklung, sich immer von Neuem auf unbekannte Situationen und Herausforderungen einzustellen, uns Menschen ein Leben lang begleiten, bedeutet auch, dass ich verantwortlich bin, mit meinen Gaben behutsam und ökonomisch umzugehen. Ich kann mich nicht bis zur Selbsterschöpfung ausbeuten (Burn-out-Syndrom) oder meine Umgebung damit übermäßig strapazieren.
Als Lernprozessbegleiter muss ich solche Symptome erkennen können.


Vier Suchfragen

Diese Fragen am Schluss dienen als Unterstützung, Gaben und Aufgaben leichter zu entdecken. Man kann das Modell aus jedem dieser vier Zugänge aufbauen.

1. Was ist mir immer leicht gefallen, was mache ich oft selbstverständlich, während das für andere schwierig ist? (Ich entdecke meine Gaben).

2. Worüber ärgern oder stören sich andere bei mir? Wann spüre ich selber, dass mein Verhalten nicht positiv wirkt und Spannungen auslöst? (Ich erkenne meine Karikatur).

3. Was bringt mich ins Gleichgewicht? (Ich finde meine Aufgabe).

4. Was kann ich bei anderen nicht leiden und was ärgert mich? Wo spüre ich Angst, was lehne ich ab? (Ich mache mir meine Allergie bewusst).

Man kann das Modell aus jedem dieser vier Zugänge aufbauen.


Phasen im Lebenslauf, in der Berufsbiografie

In der Lernprozessbegleitung werden sich Menschen unterschiedlichen Alters und mit einer sehr individuellen Biografie gegenübersitzen. Wenn in der Biografieforschung (siehe letzte Seite) dennoch über Phasen im Lebenslauf gesprochen wird, dann besagt das, dass es erkennbare Muster gibt, die für viele Menschen in bestimmten Lebensabschnitte zutreffend sind. Sie beruhen darauf, dass bestimmte innere Wachstumsprozesse zunächst auch von äußeren Erfahrungen und biologischen Möglichkeiten abhängen, die für viele ähnlich sind und die dann natürlich sehr individuell Ichhaft verarbeitet werden. Es ist für den LPB sicherlich wichtig, sich auch darüber aufzuklären, aus welcher Lebenssituation heraus sich ein IT-Mitarbeiter zur Qualifizierung zum Spezialisten entscheidet. Ist er jung und hat noch das ganze Leben vor sich oder will er mit dieser Qualifizierung im mittleren Alter eine Art Zwischenbilanz ziehen. Es ist auch wichtig für den Dialog zwischen dem Kandidaten und dem LPB sich zu vergegenwärtigen, wie viel Arbeits- und Lebenserfahrung er selber hat im Vergleich mit seinem Gesprächspartner, um den angemessenen Ton zu finden. Aus einem aktuellen Projekt ist hier ein Beispiel, wie die Teilnehmer diese Phasen beschrieben haben. Sie können Ihnen als Anhaltspunkt diesen, um eigene Beobachtungen spiegeln und zu erweitern.:


Phase
Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben
Problematiken/ Gefahren
Was ist nötig?
Vorbereitend:
14 bis ca. 17/18 Jahre
Zunächst kaum Interesse: „Ist noch weit weg“

Gegen Ende der Schulzeit: „Was soll ich bloß machen? Was gefällt mir, was gibt es überhaupt?“
Herausfinden, welchen Beruf man lernen will. Heute eher: mit welchem Beruf/ welcher Ausbildung man seinen Berufs-lebenslauf beginnen will.
Sich für eine Ausbildung entscheiden
• Keine Übersicht bekommen bzw. die Übersicht verlieren
• Sich vorschnell an vorhandenen Beispielen orientieren
• Sich nicht entscheiden können
Einblick bekommen in
• eigene Interessen und Begabungen
• konkrete Berufe (durch Praktika etc.)
Hilfestellung durch Schule, „Beratungs-angebot“ durch Eltern, Freunde ....

Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. Anfang bis Ende 20 Lehr- und Wanderjahre

Ausbildungszeit;
Sich erproben wollen, endlich was Praktisches
Herausforderungen bewältigen
Vieles kennen lernen
„Endlich eigenes Geld“

Gegen Ende der Phase: langsam Suche nach dauerhafterer Arbeitsbeziehung
Breite Erfahrungen sammeln
An Leistungs-grenzen kommen
Kompromisse schließen, sich arrangieren mit der Arbeitsumgebung
Neugierig bleiben: „Ich hab auch noch andere Interessen“
Vorschnelles „Springen“, ohne ausreichende Erfahrung am alten Arbeitsplatz neuen suchen

Sich vorschnell auf einen Arbeitsplatz fixieren aus Sicherheitsbedürfnis
Ausbildung: Herausforderungen bieten, Erprobungsräume zur Verfügung stellen, begrenzt Verantwortung übertragen bekommen
„Wahrgenommen werden“
Offene Kommunikation
Positive, entwicklungsfreundliche Atmosphäre

Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. 28 bis 35 Jahre „Organisator. Phase“

Arbeit soll erfolgreich und effizient sein.
Arbeit wird wichtiger als Partner/ Familie (bei Männern).
Karriere (im weitesten Sinn) wird angestrebt.
Suche nach längerfristiger Verantwortung im Beruf.
Gestaltungs-
möglichkeiten:

Balance schaffen zwischen:
• Karriere/ Familie,
• Verstand/ Gemüt,
• Haben und Sein,
• männlichen und weiblichen Seiten der Person.
Vertiefung bewusst suchen:
Echtes, nicht nur nach eigenen Vorteilen schauendes Interesse an Kollegen entwickeln.
Netzwerke bilden.
Einseitigkeit:


• Überbetonung der eigenen Durchsetzungs-
fähigkeit.
• Überbetonung von Konsum und Äußerlichkeiten.
• Immer noch:
schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie („entweder Familie oder Karriere“)
Ebene der Person:


Bewusst die Balance erarbeiten
Kritischer Blick auf die eigenen Einseitigkeiten

Gesellschaftl. Ebene:

Familienfreundliche Arbeitsstrukturen
Personalpolitik, die nicht ausschließlich die Qualitäten dieser Altersphase nachfragt, sondern Ältere und Jüngere mischt

Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. 35 bis 42 Jahre Sinnkrise

Trotz erster Altersanzeichen gilt die Parole „Keine Schwächen zeigen“

Belastung wird spürbar
Fragen tauchen auf: was soll das alles? Soll ich so weitermachen?
Impulse zum
Berufswechsel – aber was soll ich machen? („Ich muss nochmal was Neues machen“)
Selbstzweifel: Was kann ich überhaupt?
Neues Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten entwickeln (häufig durch den Nullpunkt „Ich kann überhaupt nichts, die anderen haben es nur noch nicht bemerkt“)

Sinn der eigenen Arbeit neu definieren: Welchen Sinn hat die Arbeit für mich?/ Für andere?
Bisherige Werte überprüfen, ggf. neu gewichten („Ist der Beruf wirklich alles?“)

Insbes. bei Frauen: Frage des Kinderwunschs muss spätestens jetzt geklärt werden („biologische Uhr tickt“)
Gegen Ende der Phase: lernen, auch andere neben sich bestehen zu lassen: „die Sache zählt mehr als der persönliche Erfolg“
Gefahr: vor der Sinnkrise flüchten: Zweifel mit noch mehr Arbeit zum Schweigen bringen. Andere Fluchtwege suchen (Scheidung, neues Motorrad....)

Aktionismus, impulsive Entschlüsse statt sich der Krise zu stellen

Depressionen, gravierendere Krankheiten als Warnsignale

Gesellschaftliche Problematik: „Jetzt bin ich schon bald zu alt zum Wechseln“


Stellenwert des Berufs im Leben bestimmen
Neuen Sinn finden
Leere bewusst erkennen und aushalten
Persönliche Gespräche über die Krise
Vertrauen entwickeln

Eigenen Ehrgeiz in den Dienst der Sache stellen


Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. 42 bis 49 Jahre Erlebnis von Grenze und Erfahrung
• Komplexere Aufgaben mit höherer Verantwortung. Aufgaben-
bewältigung aufgrund der gewonnenen Erfahrung.
• Suche nach Arbeiten, bei denen Wissen, Lebenserfahrung und Urteilsfähigkeit ge-fragt sind.
• Erlebnis nachlassender Kräfte, Erlebnis: mir stehen nicht mehr alle Möglichkeiten offen.
• Entwicklung einer objektiveren Sicht auf die Dinge, die es ermöglicht, auch schwere/ unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
• Man muss nicht mehr alle Arbeiten selbst machen, andere sollen auch zum Zug kommen.
• Ausgeprägte Ich-Bezogenheit durch echte Individualität ablösen.
• Anderen Kollegen eine Stütze werden, die uneigennützig Überblick und Erfahrung zur Verfügung stellt.
• Wirklich führen können, echte innere Autorität.
• Ein guter Begleiter werden, Mentor werden.
• „Ideale in Handeln umsetzen“.
• Sich auf das Loslassen einstellen.
• Schöpferische Aspekte der eigenen Arbeit entdecken/ /gestalten/suchen.
• Sich Inspirationsquellen erschließen.
Loslassen gelingt nicht, deshalb Machtkämpfe, Sich-Klammern an den Posten, („Klotz am Bein“).

Wenn die Anerkennung der Qualitäten anderer nicht gelingt bzw. die eigenen Ideale nicht umgesetzt werden: Herausbildung von Zynismus, andere werden „runtergezogen“; Verbreiten einer negativen Atmosphäre.

Gefahr der Verklärung der eigenen Vergangenheit („bei uns damals lief das noch!“).

Um jeden Preis jung bleiben wollen.
Verwandlungsfähig bleiben:

Lernfähig bleiben und Lernfähigkeit für alle als Wert leben.

Realistisches positives Feedback (erbitten/ bekommen).

Sich mental schon auf das Ende des Berufslebens vorbereiten.

Eigenen Kompetenzzuwachs beobachten: Schwierige Situationen auswerten – die besonderen Qualitäten dieser Phase entdecken lernen („manches fällt mir nicht mehr so leicht wie früher, dafür aber gelingt es mir, ....“).

Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. 49 bis 56 Jahre - Interesse an allgemeineren Planungs- und Führungsproblemen.
- Angehen von Aufgaben aus dem Überblick, Blick fürs Wesentliche, das All-gemeine hinter den Details.
- Uneigennützige Beratung für andere.
- Bei eigenem Betrieb:
Beginnen, sich um Nachfolge Gedanken zu machen
Vor dem Hintergrund gefestigter Selbsterkenntnis anderen/Jüngeren Raum zum Wachsen und Sich-Entwickeln schaffen.

Sich an der Entwicklung anderer freuen.

Neue Kreativität im Umgang mit Aufgaben /Arbeit/Menschen entwickeln.
Nicht gelöste Aufgaben der vorigen Phase werden mitgeschleppt und verschärfen sich: Klammern, Pochen auf Positionen.

Gefühl des Ausgebranntseins, Freudlosigkeit, Angst, überflüssig zu werden.

Gefahr der Stagnation von Entwicklungen verschiedenster Art.
Eigene Stärken und Schwächen anerkennen.

Bereitschaft, anzuerkennen: jetzt müssen Jüngere ran!

Selbst in Entwicklung bleiben, offen für Neues.

Sich um positiven Blick (auf die Dinge/ Menschen/sich selbst) bemühen.

Kontakt mit Jüngeren suchen, mit wachem Interesse deren Standpunkte wahrnehmen

Phase Beziehung zu Arbeit./ Beruf
Aufgaben Problematiken/ Gefahren Was ist nötig?
Ca. 56 bis 63 Jahre Die letzten Arbeitsjahre:
„Das Haus bestellen“

Trotz nahendem Ende des Berufslebens Engagement aufbringen
Sich allmählich von dem lösen, was man selbst aufgebaut hat

Akzeptieren, dass andere das eigene Werk anders weiterführen werden

Interesse an der Aufgabe aufrechterhalten trotz beginnender Ablösung
Gesellschaftliche Problematik:
Wenig altersgerechte Arbeitsgestaltung

Gefahr, sich vorzeitig „in den inneren Ruhestand“ zu begeben

Gefahr, neue Situationen nicht mehr richtig einschätzen zu können ("die Entwicklung läuft an mir vorbei“)

Sich Gedanken über das „Nachher“ machen

(Neue) Interessen aufbauen

Ausschau halten: wo werde ich mit meinen altersspezifischen Fähigkeiten auch außerhalb des Berufs gebraucht?




Personalpolitisch besonders relevante Aspekte:
20-30 J.: „So viel verschiedene berufliche Situationen wie möglich kennenlernen“ („Wanderjahre“) / 30-40 J.: Erste Wertekrise; Organisieren, sich anstrengen und einsetzen; Balance zwischen Ordnung und Lebendigkeit / 40-50 J.: Zweite Wertekrise, Neuorientierung / 50-60 J.: Führen, Kampf der Frustration; Fördern der Jüngeren; „die wirklichen Werte“; Rückzug und Neubeginn



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